Im Norden

ImageZurück aus Helsinki, voller Eindrücke von einer ziemlich coolen Stadt in einem ziemlich coolen Land. Mein streng subjektiver Reisebericht. Vielen, vielen Dank an Kaisa und Tuomas, die mir weit über meine Fragen zu EU, Wirtschaft und Politik hinaus einen tollen Blick auf die finnische Seele ermöglicht haben.

Dieser Artikel ist willkürlich in verschiedene Themen eingeteilt – ich fange am besten mit dem Thema an, auf das ich nach meiner Rückkehr am öftesten angesprochen wurde.

 

Alkohol

„Ich schwöre dir, du siehst aus wie ein Finne. Und ich habe mich noch gewundert, warum du auf Englisch bestellst!“ Andi hat bereits einigen Vorsprung, als ich mich an die Bar setze. Er kann es immer noch nicht fassen, mit einem Österreicher anzustoßen („KIPPIS!!!“). Mit Koskenkorva, echtem finnischen und ziemlich billigem Wodka (4,50 Euro das Stamperl, aber, wie mir Andi versichert, „the drink with the biggest balls“). Genüsslich nimmt Andi einen Nipper, bekommt Schlagseite und schläft friedlich auf seinem Barhocker ein. „Unter der Woche, ja? Das ist selten.“ Tuomas ist ehrlich erstaunt über mein erstes Zusammentreffen mit einem sturzbetrunkenen Finnen. „Die meisten bleiben unter der Woche völlig abstinent und schütten sich am Wochenende zu. Nach der Arbeit auf ein Bier gehen – oder von mir aus auch auf zwei – das gibt’s in Finnland nicht. “ Man könnte fast sagen, die Finnen wollen einen Rausch, der sein Geld wert ist – ganz oder gar nicht. Denn die Sache ist alles andere als billig. Für ein Bier (0,5 Liter) bezahlte ich zwischen 4,50 und 8,40 Euro. Spirituosen kosten dementsprechend mehr (siehe oben).

Das Bier ist übrigens auch so ein leidiges Thema. Von 1919 bis 1932 galt in Finnland die Prohibition. Alles, was man sich zuvor an Braukultur oder der Gewinnung edler Brände angeeignet hatte, musste zu dieser Zeit im stillen Kämmerchen über die Bühne gehen. Und das lief meist auf einen selbst gebrannten Fusel hinaus, von dem man nur dann nicht blind wurde, wenn man recht großes Glück hatte.

Jedenfalls ist finnisches Bier gewöhnungsbedürftig. Kleschkalt serviert, mit wenig Kohlensäure und vom Geschmack her eher unauffällig. Beeindruckend ist jedoch die Geschwindigkeit: Während hierzulande ein gutes Pils schon einmal einen zehnminütigen Zapfvorgang für sich beanspruchen kann, dauert dieser in Finnland zehn Sekunden: Eine eigene Halterung für die Gläser unter den Zapfhähnen sorgt dafür, dass das Glas im richtigen Winkel steht und blitzschnell befüllt werden kann – nur der Schaum bleibt halt auf der Strecke. Der Kellner im PRKL Club hat für meine Bedenken nichts übrig: „Weißt du, das Bier ist hier zum Trinken da, und nicht zum Anschauen.“ Stimmt auch wieder.

Noch eine letzte Bemerkung zum Thema Alkohol. In Lebensmittelgeschäften findet man ausschließlich Bier und Apfelwein mit einem Alkoholgehalt von maximal 4,8 Prozent. Zwischen 21 und 9 Uhr darf im Handel überhaupt nur Leichtbier mit maximal 2,8 Volumsprozent verkauft werden. Weine aus aller Welt und eine auffällig breite Palette an Spirituosen gibt es ausschließlich in Geschäften mit dem klingenden Namen „Alko“ zu kaufen. Und nicht nur die erfreuen sich großer Beliebtheit: Tuomas erzählt mir, dass Lebensmittelgeschäfte gut und gern den doppelten Umsatz im Vergleich mit der Konkurrenz schreiben, wenn sie in der Nähe einer „Alko“-Filiale errichtet werden. „Alko“ ist übrigens eines der wenigen finnischen Wörter, bei denen man sich auch als Nicht-Finne vorstellen kann, worum es geht.

 

Die Sprache

Ja, sie ist kompliziert. Nicht nur, weil Finnisch mit so gut wie keiner mitteleuropäischen ImageSprache etwas zu tun hat (Ok, ein bisschen mit Ungarisch vielleicht, aber das hilft meistens auch nicht weiter). Die weiteren Probleme sind nämlich die ellenlangen Wörter, in denen es vor Doppelbuchstaben nur so wimmelt, und die 17 (!) Fälle. Dass es in der Sprache keine Geschlechter gibt, trägt nur gering zu einer Vereinfachung bei. Und so bleibt nach einer Woche kein großer finnischer Wortschatz über, mit Ausnahme von „Hei!“ („Hallo!“), „Moi!“ („Hallo!“) und „kiitos“ („danke“). Ahja, und „Kippis!“ natürlich. Und das vielleicht auch nur wegen einer verdammt blöden Eselsbrücke.

 

Sisu

Und noch ein Wort bleibt im Gedächtnis. „Sisu“ ist eines der Schlüsselwörter in Finnland – angeblich hat jeder Finne ein bisschen „Sisu“ in sich. Doch was versteht man darunter?
Der finnische Läufer Lasse Viren schrieb bei den Olympischen Spielen 1972 in München nicht nur Sportgeschichte – er sollte auch etwas leisten, das die Finnen bis heute als Paradebeispiel nennen, wenn sie gefragt werden, was „Sisu“ ist.
Zur Hälfte des 10.000 Meter-Laufs war Viren im dichten Gewusel gestürzt – eigentlich Grund genug, aufzugeben. Aber nicht für den Finnen: Blitzschnell hatte er sich aufgerappelt, 1.500 Meter später die Führung übernommen – und schließlich mit neuer Weltrekordzeit Gold geholt.
„Sisu“ lässt sich nicht mit einem bestimmten Wort übersetzen – am ehesten steht es für eine Mischung aus Kampfgeist und Willensstärke, für die Fähigkeit, Fehler wegzustecken und auch in aussichtslosen Situationen durchzuhalten.
Meine Gesprächspartner in Helsinki kennen übrigens alle jemanden, der in seinem Leben bereits gezeigt hat, dass er „Sisu“ hat – von sich selbst würden sie das aber nicht behaupten. Noble Zurückhaltung ist eben auch ein fester Teil der finnischen Mentalität.

 

Mentalität

Apropos! Bevor ich nach Finnland gekommen war, wurde mir schon prophezeit, dass ich mir schwer tun würde, mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Finnen gelten als zurückhaltend. Still zu sein sei nicht ein Zeichen dafür, dass man mit jemandem nicht reden will, sondern stehe dafür, dass man rundum zufrieden ist. Wer zu viele Fragen stellt oder nicht aufhört zu reden, werde schnell schief angeschaut.

Ein Klischee, das sich mir nicht bestätigt hat, im Gegenteil: Ich bin durchgehend auf kontaktfreudige, weltoffene und extrem freundliche Leute gestoßen. „Liegt wahrscheinlich daran, dass das hier Helsinki ist – und Helsinki ist nicht so ganz Finnland“, erklärt Tuomas. Das mit der noblen Zurückhaltung kann er aber auch von den Leuten in der finnischen Hauptstadt bestätigen. „Niemand kommt auf die Idee, mit irgendwelchen Sachen anzugeben. Schau dir die reichsten Finnen an. Sie fahren gewöhnliche Autos, sie putzen sogar ihre Wohnung selbst. Eine Yacht, mit der sie vor Helsinki herumfahren? Vergiss es!“

Verbunden mit dieser Bescheidenheit und Ruhe scheint aber noch etwas typisch für die Finnen zu sein: Der Wunsch, möglichst niemandem zur Last zu fallen. Kaisa ist ein typisches Beispiel dafür. Die Studentin will Lehrerin werden, „zu den besten Lehrern der Welt gehören“, wie sie es nennt. Das Studium ist hart, die Aufnahmeprüfungen fürs Lehramt in Finnland sind schwieriger als die fürs Medizinstudium. Trotzdem legt sie den größten Wert darauf, von ihren Eltern unabhängig zu sein, auch, wenn das heißt, dass sie neben ihrem Studium in drei verschiedenen Lokalen als Kellnerin arbeiten muss. „Ich hätte ein blödes Gefühl, wenn ich mir Geld von meinen Eltern leihen müsste“, sagt Kaisa. Und natürlich schafft sie es – und darauf ist sie stolz.

 

Hesburger

ImageDieser Stolz ist auch merkbar, wenn Finnen einkaufen gehen. „Viele Leute schwärmen für finnisches Bier, das wie Pisse schmeckt. Oder für finnische Tomaten, die in Glashäusern gezüchtet werden. Das ist doch kein Vergleich zu Tomaten aus den südlichen Ländern, die richtig viel Sonne abbekommen!“ Für so etwas wie sturen Nationalstolz kann sich Tuomas, der sich vor allem als Europäer sieht, so gar nicht begeistern. Und doch erzählt er mir eine Geschichte, die ihn sichtlich amüsiert: McDonalds musste im Kampf mit der im finnischen Turku beheimateten Kette „Hesburger“ Federn lassen. Heute betreibt „Hesburger“ in Finnland mehr Filialen als McDonalds. Und wo der Fight in unmittelbarer Nachbarschaft über die Bühne geht – wie unweit des größten Einkaufszentrums mitten in Helsinki – greift man oft zu ungewöhnlichen Mitteln: Die McDonalds-Filiale gegenüber von „Hesburger“ hat bis fünf Uhr früh geöffnet. Die einzige Zeit, zu der ein Big Mac eine Chance gegen einen Ruis Burger hat.

 

Angry Birds

ImageUnd noch etwas zum Thema „finnische Produkte“. Als bekannt wurde, dass es mit Nokia nicht mehr so toll läuft, da genoss das nächste finnische Aushängeschild in der Technologiewelt bereits Kultstatus: Angry Birds, das bekannteste Smartphone-Spiel des finnischen Unternehmens Rovio. In Helsinki ist das grantige Federvieh allgegenwärtig: Auf Kaffeetassen, T-Shirts, Glückwunschkarten, Wasserflaschen und sogar auf einer Finnair-Maschine. Und nicht nur da. Zuletzt hatte nämlich Teija Vesterbacka, die Frau von Rovio-Marketing-Boss Peter Vesterbacka, für Aufsehen gesorgt: Zum Nationalfeiertags-Empfang des finnischen Präsidenten war sie in einem Kleid im Angry Birds-Design erschienen.

 

Kaamos – die dunkle Zeit

Technik hilft den Finnen auch im Polarwinter. Im großen und Ganzen liegt Helsinki recht zufriedenstellend – zwischen November und Feber wird es hier, im Süden des Landes, untertags manchmal wirklich ein bisschen hell. „Kaamos“ nennen die Finnen diese dunkle Zeit, in der die Sonne kaum merkbar über den Horizont schleicht. Sie nehmen’s zum Teil mit Humor. „Im Radio wird jeden Tag durchgesagt, wann die Sonne aufgeht. Das klingt dann so: ‘In Helsinki geht die Sonne um 1 Uhr auf. In Tampere geht die Sonne um 2 Uhr auf. In Lappland geht die Sonne im Februar auf.’ Schon ziemlich sadistisch, eigentlich“, sagt Tuomas.

Doch nicht alle Finnen gehen mit der Dunkelheit so locker um, die Winterdepression ist weit verbreitet. Zum Ausgleich gibt es spezielle Tageslichtlampen, vor die man sich zwanzig Minuten pro Tag setzt. Tuomas erzählt von einer neuen Erfindung: Ohrstöpsel, die Licht abstrahlen, das angeblich direkt ins Gehirn geht und glücklich macht. Einen wissenschaftlichen Beweis bleiben die Erfinder schuldig. Wie man hört, hat sich auch der Nokia-Boss an der Entwicklung dieser Lichstöpsel beteiligt. Ob das ein gutes Omen ist?

 

Finnischer Frühling

Wer nicht auf die Technik vertraut, der zieht im Winter die Flucht in den Süden vor. Wohlhabende Finnen leisten sich ein „Winterhaus“ in Spanien, oder sie ziehen gleich nach Florida. „Manche fahren auch für ein, zwei Wochen nach Dubai oder sonstwohin. Aber das ist eher kontraproduktiv. Wenn sie dann zurück in die Dunkelheit müssen, sind sie noch unglücklicher“, sagt Tuomas. Umso befreiender ist es dann, wenn die ersten ernstzunehmenden Sonnenstrahlen auf Helsinki treffen – im Mai. Tuomas: „Alle Lokale stellen die Sitzgarnituren vor die Tür. Und die Leute genießen ihr erstes Bier des Jahres im Freien – in Winterjacken und eingewickelt in Decken, aber alle schwärmen davon, wie herrlich warm die Sonne doch ist.“

 

Heavy Metal

ImageEines hat in Finnland aber das ganze Jahr über Saison: Heavy Metal. Bands wie Nightwish, Sonata Arctica oder Stratovarius genießen in Finnland einen Bekanntheitsgrad wie bei uns Christl Stürmer oder DJ Ötzi – quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten. Das äußert sich auch in der Lokalszene: Die selbst auferlegte Aufgabe, jeden Tag eine neue Metal-Bar zu besuchen, war kein Problem. Es sind sogar noch einige übriggeblieben. Ich brauche eine ToDo-Liste für meinen nächsten Besuch.

 

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Entstanden im Rahmen von eurotours 2013 – einem Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der Europäischen Union. 

Die Beiträge aller Eurotours-Teilnehmer findet ihr hier!

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Ein Murmeltier als Ente

Ich liebe den Sommer. Da machen die lustigsten Geschichten die Runde. Ok, heuer hatten wir etwas Startschwierigkeiten (der Kärntner Politik sei Dank), doch spätestens seit heute bin ich positiv gestimmt, dass es noch was wird mit den zünftigen Sommerlochgeschichten 2012! Bis jetzt halten wir in Kärnten bei einem freischwimmenden Krokodil, einem nackten Radfahrer UND einer Geschichte, die sich wirklich spannend anhört. Es geht dabei um einen Tiroler Buben, der mitten im Nationalpark Hohe Tauern “mit Murmeltieren spricht”, sie streichelt und füttert und von ihnen anscheinend als Teil des Rudels akzeptiert wird. Eine süße Geschichte, die mittlerweile um die Welt geht. Die Wiener Gratiszeitung HEUTE griff – ganz aus dem Häuschen – als erste österreichische Zeitung die Story auf (und wenn mich nicht alles täuscht, werden weitere heimische Berichte folgen):

“Eigentlich wollen die scheuen Murmeltiere am Großglockner in Kärnten mit Menschen nichts zu tun haben. Eigentlich – denn da gibt es noch Matteo Walch (8) aus Innsbruck.
Wie Mogli aus dem “Dschungelbuch” spricht der Tiroler Bub mit den Tieren. Die Nager laufen dem Schüler zu, lassen sich von ihm sogar stundenlang streicheln und füttern. “Er liebt die Murmeltiere und sie haben gar keine Angst vor ihm”, sagt Mutter Michaela.”

Am Großglockner – das klingt so richtig nach unberührter Natur. Aber: In unmittelbarer Nähe einer Straße, die jeden Sommer von mehreren hunderttausend Fahrzeugen befahren wird, ist die Natur nicht so ganz belassen, wie man sich das vorstellen möchte. Schon gar nicht, wenn in diesen Autos Leute sitzen, die mit ungesundem Zeug wie Mozartkugeln, Wurstsemmeln oder Keksen nach den Tieren werfen.

Kurz gesagt: Speziell im Bereich der Kaiser Franz Josefs-Höhe (wo die Fotos von Matteo gemacht wurden – so wie auch meine Fotos unten) sind die Murmeltiere seit Jahrzehnten handzahm. Da wird so ziemlich jeder, der etwas Essbares mithat, zum “Alpen-Mogli” (übrigens eine Wortschöpfung, für die man dem verantwortlichen Redakteur eins mit dem Dschungelbuch drüberziehen müsste. Holareidulijö!). Und das, obwohl Murmeltiere “eigentlich” nichts mit Menschen zu tun haben möchten. Aber dass das “eigentlich” relativ ist, habe ich schon selbst erfahren – und tausende Touristen auf der Großglockner Hochalpenstraße auch.

Fotos: Peter Lindner, skensegeng.wordpress.com
Bei Namensnennung frei zu verwenden

PS: Solltet ihr die Murmeltiere entlang der Großglockner Hochalpenstraße auch füttern wollen: Bitte nur mit Obst oder Gemüse! Schokolade, Chips, Kekse, gesalzene Nüsse usw. mögen zwar gut gemeint sein, sind aber so ziemlich das schädlichste, was man einem Tier in der (*räusper*) freien Wildbahn antun kann.

UPDATE 19.10 Uhr:
Wie ich erst jetzt gesehen habe, hat es bereits am Nachmittag eine APA-Meldung zu dem Thema gegeben. Und immer mehr Medien springen auf den Zug auf. Die Medien lassen sich aber nicht einmal von den kritischen Postings im Kommentarbereich der Artikel beirren. Bemerkenswert: Die Tiroler Tageszeitung schafft es fast, sich die Geschichte selbst abzuschießen. Erster Absatz:

Warum der Bub die Tiere so anzieht, weiß niemand genau.

Zweiter Absatz:

„Die Murmeltiere sind dort auch sonst durchaus zutraulich“, relativiert Mutter Michaela ein wenig.

Aber jetzt einmal was Anderes: Gratulation an Familie Walch zu den gelungenen Fotos – und dazu, dass die sich jetzt so gut verkaufen. Muss auch einmal gesagt werden! :-)

UPDATE 30. August:
Tatsächlich sind einige weitere Artikel über den Murmeltier-Flüsterer aufgetaucht. Darunter aber auch einer, der mich SEHR gefreut hat: derstandard.at schlägt als einziges Medium einen anderen Weg ein und zitiert meinen Blog sehr ausführlich – danke dafür! Danke auch an das Team von BILDblog fürs Verlinken.
Auf anderen Plattformen kann man vor allem eines beobachten: Wie resistent man gegenüber kritischen Postings im Kommentarbereich eines Artikels sein kann.

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Ich Nichtrauchernazi

Verschwörungstheorien im Test, oder: Wie meine vielversprechende Karriere als professioneller Facebook-Troll ein schnelles Ende fand.

„Don’t feed the troll“ lautet der Rat, den man sich oft gibt, wenn im Social Media-Bereich hitzige Diskussionen ausbrechen. Denn befeuert werden sie in vielen Fällen von Leuten, die gar nicht diskutieren wollen, sondern ihre Freude an dem Chaos haben, das sie mit ihren Kommentaren anrichten. Seit ein paar Tagen bin ich um eine Erfahrung reicher: Wie es sich anfühlt, das Trollen professionell auszuüben.

Ich hatte schon länger auf eine gute Gelegenheit gewartet, einmal in diese Haut schlüpfen zu können. Nicht, dass ich keine Online-Diskussionen verfolgen würde, aber für politisches Geplänkel ist mir ehrlich gesagt die Zeit zu schade. Ich brauchte etwas anderes – und fand es am Wochenende in Gestalt einer sehr dankbaren Person, die mich dermaßen gut fütterte, dass ich noch heute bestens genährt vor dem Laptop sitze. Diese Person hat mich zuerst vollgestopft und mir dann den Magen verstimmt – eine Verschwörungstheoretikerin wie aus dem Bilderberg Bilderbuch.

Begonnen hat die Geschichte mit einer Forderung des Klagenfurter Grüne-Gemeinderates Reinhold Gasper: Man möge doch auf den Stegen im Strandbad das Rauchen verbieten, viele Leute beschweren sich über die Zigarettenstummel, die einfach ins Wasser geworfen werden. Davon mag man ja halten was man will – aber aus dem (auch über die Parteigrenzen hinaus) geschätzten Hobby-Historiker eine „Marionette der Pharma-Lobby“ zu machen – das fällt nur wenigen ein. Christine C. zählt zu diesen Menschen. Und sie macht aus der Forderung gleich ein generelles „Rauchverbot im Freien“, welches Gasper erst für später und auch dann nur für Freibäder angedacht hatte.

Die Welt der Christine C. im Überblick: Jeder Artikel, der sich mit einem Rauchverbot oder der Schädlichkeit des Rauchens beschäftigt, ist ein von der Pharma-Lobby bezahlter PR-Artikel, für den je nach Länge und Verbreitung horrende Summen bezahlt werden. Journalisten, Politiker, Ärzte, Apotheker – sie alle hängen in der weltumspannenden Verschwörung mit drin, welche den Menschen das Rauchen verbieten und sie so den Pharma-Konzernen in die Arme treiben soll. Die wiederum haben ein Ziel: Die Menschheit mit Rauch-Ersatzmitteln wie Champix oder Zyban zu vernichten – denn die sind „äusserst tödlich“ (sic!, O-Ton Christine C.).

Sinn für Aktionismus kann man der Dame auf keinen Fall absprechen: Immerhin 40 Personen haben sich für die von ihr erstellte Veranstaltung „MAILAKTION gegen das Rauchverbot der Grünen im FREIEN“ gemeldet und teilweise auch wirklich Mails verschickt. Aufmerksam auf die Aktion wurde ich durch einen Kollegen, der auf der Veranstaltungsseite höflich darauf hinwies, warum es beim Titel „Rauchverbot im FREIEN“ doch ein bisschen hackte. Und in weiterer Folge eine wahre Flut an Weblinks über sich ergehen lassen musste: Ein Grüner Nichtrauchernazi sei er, und was ihm denn einfalle, zu behaupten, dass Gasper kein von den Pharma-Riesen gekaufter PR-Soldat sei – die Beweise für die groß angelegte Verschwörung finde er in den Links. Es ist angerichtet: Zeit für den ersten Gang.

Reinhold Gasper (von der Pharma-Lobby gekauft), Peter Lindner (direkt von Facebook eingeschleust), Christine C. (unbarmherzige Aufdeckerin) – das klingt nach einem viel versprechenden Drehbuch mit knallharten Hauptdarstellern. Wenn’s nur nicht um die faden Zigaretten gehen würde – die Menschheit hat sich schließlich auch um andere Probleme zu kümmern (Socken!!!). Und schön langsam sollte auch Herr Zuckerberg seine wahre Identität preisgeben. Noch ganz betroffen davon, wie viel Geheimnisse noch ans Tageslicht kommen müssen, bekomme ich schon wieder einen Happen zugeworfen:

Alles klar? Damit die Ärzteinitiative aktiv werden kann, wird sie von der Pharma-Industrie gefördert. Und weil es sich dabei um eine megageheime Verschwörung handelt, wird auch noch auf der hässlichen (deshalb unauffällig!) Homepage vermerkt, wer die Sponsoren sind. Clever! Vielleicht sollten wir die ja wirklich zu unserer nächsten Jahreshauptversammlung in Neuschwabenland einladen. Doch solche Gedanken werden schnell unterbunden, Christine C. löscht den gesamten Thread und stellt mir das Dessert hin:

Wie gesagt – 2.000 Euro pro Monat? Pah! Dabei hat sie ja selbst recherchiert, dass man das bereits für einen einzigen sauberen Artikel erhält (die Mär vom unterbezahlten Journalisten ist übrigens ebenfalls eine weit verbreitete Verschwörung). Außerdem: Wenn ich schon Artikel lösche, dann lässt sich mein Auftraggeber das auch etwas kosten, klar?

Eine gesamte Diskussion wegen mir gelöscht, von einer Teilnehmerin blockiert, mehrere Beschimpfungen kassiert, zumindest einer Person eine Menge Zeit gestohlen und meine Facebook-Freunde über Tage hinweg unterhalten – ich war fast ein bisschen stolz auf mein Debüt als Facebook-Troll.

Zum Abschluss reichte Christine C. dann noch Käse in Form einer detaillierten Auflistung, bei der es um die „Kategorisierung“ von Trollen geht. Im Wesentlichen kann man die Kategorien also wie folgt zusammenfassen:

  • Troll der Kategorie 0: Gekennzeichnet durch wüste Beschimpfungen
  • Troll der Kategorie 1: Bringt Ausführungen ein, die mit dem Thema nichts zu tun haben
  • Troll der Kategorie 2: Führt oft „Debatten“ mit sich selbst
  • Troll der Kategorie 3: Liefert ewig lange Vorträge von oben herab
  • Troll der Kategorie 4: Kleistert alles mit Werbung zu
  • Troll der Kategorie 5: Kritisiert ohne jemals auf den Inhalt einzugehen
  • Troll der Kategorie 6: Löscht Beiträge
  • Troll der Kategorie 7: Spricht ohne zu denken
  • Troll der Kategorie 8: Versucht, den Leser verrückt zu machen
  • Troll der Kategorie 9: Kommt nach jedem Scheitern gleich wieder über die Hintertür herein

Und dann plötzlich, träge von dem üppigen Mahl, war es vorbei mit meiner guten Stimmung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass ich einen typischen Anfängerfehler begangen habe. Eine bittere Erkenntnis: Ich bin die ganze Zeit über der wahrscheinlich begnadetsten Allround-Trollin aller Zeiten auf den Leim gegangen.

Der übermenschlichen Konkurrenz muss ich mich beugen – und gebe hiermit schweren Herzens bekannt, dass meine Karriere als professioneller Facebook-Troll zu Ende ist.

 

 

NACHTRAG, 23.45 Uhr:

Vielen Dank an Wolfgang Rössler, der auf Facebook in die Diskussion um diesen Beitrag eingestiegen ist und mich auf einen Aspekt hingewiesen hat, den ich außen vorgelassen habe. Tatsächlich sind die angesprochenen Raucherentwöhnungsmedikamente nicht unumstritten und wenn es so ausgesehen hat, als würde ich mich zum Verteidiger der Pharmaindustrie aufschwingen: Nein, das tue ich nicht. Wer nachlesen möchte, findet Infos auf Spiegel Online.
Daraus allerdings eine Verschwörung zu drehen und ganz bewusst mit falschen Fakten zu arbeiten – das ist eine andere Geschichte.

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Keine Verkäuferin, nicht verletzt

Die junge Klagenfurterin verstand die Welt nicht mehr, als eines Tages ihr Telefon heißlief: Wie es ihr gehe? Ob sie noch immer geschockt sei? Wie schwer ihre Kopfverletzungen denn eigentlich seien? Erst als ein Freund ihr einen Scan von einem Artikel der aktuellen „Österreich“-Ausgabe schickte, verstand sie, warum Freunde und Bekannte in Sorge waren und warum bereits die wildesten Gerüchte die Runde machten: Sie war mit Name und Bild in der Tageszeitung „Österreich“ abgebildet – als Opfer eines brutalen Raubüberfalles, mit dem sie niemals etwas zu tun hatte.

Der Reihe nach: Am Karsamstag überfiel ein Täter, der sich später der Polizei stellte, ein Geschäft in Klagenfurt. Dabei stahl er nicht nur das Geld aus der Kasse, sondern verletzte die Verkäuferin vermutlich mit den Fäusten und einem Regenschirm schwer – wofür er vom Boulevard zum „Regenschirm-Räuber“ geadelt wurde. „Österreich“ berichtete ausführlich über den Fall und garnierte die Meldung von der Festnahme des Täters mit einem Foto des vermeintlichen Opfers, das mit Vornamen und abgekürztem Nachnamen genannt wurde. Fotocredit: „Privat“ – was zumindest beim Portraitfoto der Klagenfurterin so viel wie „von Facebook geklaut“ bedeutete.

Dass „Österreich“ ausgerechnet die junge Frau – die aus verständlichen Gründen hier nicht noch einmal namentlich genannt werden will – in den Artikel einbaute, hängt wohl damit zusammen, dass sie einmal in dem Geschäft gearbeitet hatte, das am Karsamstag ausgeraubt wurde – doch das ist mittlerweile Jahre her. „Aufregen kann ich mich nicht nur darüber, dass da eine Verwechslung stattfand, sondern auch über die reißerische Schreibweise und die Nennung meines Namens inklusive Facebookfoto!“, erklärte die Betroffene skensegeng gegenüber.

Wie schwer diese Verwechslung wiegt, kann man sich ausmalen – davon zeugen die unzähligen besorgten Anrufe, SMS und E-Mails. Und wie schnell so eine Schreckensmeldung die Runde macht – seien wir uns ehrlich: Klagenfurt ist eine Stadt, in der jeder jeden kennt.

Doch auch, wenn die vermeintliche Verkäuferin wirklich das Opfer der Straftat gewesen wäre: Mit dem besonderen Schutz des Namens und des eigenen Bildes, worauf Opfer von Gewalttaten in der Berichterstattung ein selbstverständliches Recht haben, dürfte man es bei „Österreich“ wohl nicht allzu genau nehmen.

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Blick-Punkt speichert Falter-Daten auf Vorrat

Wie groß ist die Schnittmenge der Leser der Wiener Wochenzeitung Falter und des Regionalblattes Blick-Punkt, das in Mittelkärnten erscheint? Höchstwahrscheinlich nicht besonders hoch. Klar: Wien ist weit weg von Kärnten – und auch die Inhalte unterscheiden sich recht deutlich. Es deutet aber noch etwas darauf hin, dass wahrscheinlich nicht viele Blick-Punkt-Leser auch den Falter lesen (oder umgekehrt) – denn sonst hätte wohl so mancher Leser bei der Lektüre der aktuellen Blick-Punkt-Ausgabe ein recht starkes Déjà-vu-Erlebnis gehabt.

Chefredakteur Mario Wilplinger greift in der aktuellen Ausgabe ein Thema auf, das in den Medien meiner Meinung nach noch immer zu kurz kommt – und erst recht in Kärntner Regionalzeitungen. Es geht um die umstrittene Vorratsdatenspeicherung, laut der Telekommunikationsdaten sechs Monate lang gespeichert werden müssen. Wie gesagt – ein wichtiges Thema, und ich persönlich begrüße jede Zeile in einer Zeitung, die sich kritisch mit diesem Thema auseinandersetzt. Doch das “Wie” hat mich im Falle des Blick-Punkts dann doch verwundert.

Der Text, die Beispiele und ein paar Formulierungen erinnerten mich nämlich stark an einen Artikel, den ich ein paar Tage zuvor schon einmal gelesen hatte. Schließlich reichte eine kurze Google-Suche.

Text Falter:
[. . .] Das alles wirkt unspektakulär angesichts dessen, was am 1. April Gesetz wird: die Vorratsdatenspeicherung. [. . .] Die Telekomfirmen müssen künftig alle Standort- und Verbindungsdaten für den Staat ein halbes Jahr aufbewahren. Die Polizei kann intimste Details der Bürger ergründen: Mit wem haben sie wann wo wie lange telefoniert? Wem sendeten sie SMS? Wem schickten sie E-Mails? Wann waren sie wie lange im Internet? Der Inhalt der Nachrichten wird nicht gespeichert, wohl aber das gesamte Kommunikationsverhalten. Die Daten geben Einblicke in das Privatleben einer Person, wen sie trifft, wo sie isst, fortgeht oder die Nacht verbringt. Manchmal werden anhand der Telefondaten auch völlig falsche Rückschlüsse gezogen, wie der Fall Kampusch zeigte. Unschuldige wurden als Kinderpornosammler verdächtigt, weil sie mit einem Freund des Kampusch-Entführers telefoniert hatten. [. . .] Denn das verdachtlose Datenspeichern stellt einen Paradigmenwechsel im Grundrechtsverständnis eines liberalen Rechtsstaates dar. Bisher griff der Staat nur auf Daten zu, die für andere Zwecke ohnehin gespeichert wurden. Nun geht der Staat einen Schritt weiter: Er ordnet die Speicherung für sich selbst an.

Text Blick-Punkt:
Das alles klingt unspektakulär angesichts dessen, was am 1. April Gesetz wird: die Vorratsdatenspeicherung. Die Telekomfirmen müssen künftig alle Standort- und Verbindungsdaten für den Staat ein halbes Jahr aufbewahren. Die Polizei kann intimste Details der Bürger abrufen: Mit wem haben Sie wann wo wie lange telefoniert? Wem sendeten Sie SMS? Wem schickten Sie E-Mails? Wann waren Sie wie lange im Internet? Der Inhalt der Nachrichten wird nicht gespeichert, wohl aber das gesamte Kommunikationsverhalten. Die Daten geben Einblicke in das Privatleben einer Person, wen sie trifft, wo sie isst [, fortgeht] oder die Nacht verbringt. Oft werden anhand der Telefondaten [auch völlig] falsche Rückschlüsse gezogen, wie der Fall Kampusch zeigte. Unschuldige wurden als Kinderpornosammler verdächtigt, weil sie mit einem Freund des Kampusch-Entführers telefoniert hatten. [Denn] Das verdachtlose Datenspeichern stellt einen Paradigmenwechsel im Grundrechtsverständnis unseres Rechtsstaates dar. Bisher griff der Staat nur auf Daten zu, die für andere Zwecke ohnehin gespeichert wurden. Nun [geht der Staat einen Schritt weiter: Er] ordnet er die Speicherung [für sich selbst] an.

Der Blick-Punkt-Text, also der Kommentar von Chefredakteur Mario Wilplinger (Erscheinung: 20. März) unterscheidet sich nur an den rot markierten Stellen vom Text im Falter (Erscheinung: 14. März). Unvoreingenommene Leser mögen auch den abrupten Texteinstieg im Blick-Punkt seltsam finden.

In Wien ahnte man jedenfalls nichts von dem Nachdruck, Falter-Journalistin Ingrid Brodnig sind keine Anfragen bekannt, ob ihr Artikel nachgedruckt werden durfte – auch nicht auszugsweise, und schon gar nicht mit anderer Autorzeile.

Chefredakteur Mario Wilplinger gibt sich auf Nachfrage ziemlich verwundert: Die Basis für den Kommentar sei ein Leserbrief gewesen, der Verfasser wollte aber nicht unter seinem Namen veröffentlicht werden und hat schließlich zugestimmt, dass er, Wilplinger, den Text verwenden könne. Wilplinger: vo[m] Falter hat er allerdings kein Wort gesagt! Schoen unverschaemt und unangenehm sowas!

Übrigens: Im aktuellen Editorial dieser Blick-Punkt-Ausgabe heißt es ausgerechnet:
„[. . .] nichts ist langweiliger als die Nacherzählung anderer [. . .]“

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Wer hat’s erfunden? – Krone jongliert mit Schweizer Zahlen

„Fall Kampusch endlich aufklären!“

 

Die Krone (Printversion) präsentiert sich heute als Kämpferin für neue Ermittlungen im Fall Kampusch. Und nicht nur sie, verrät die Dachzeile:

„92 Prozent wollen neue Ermittlungen“

Also fast alle. Nur sagt die Krone nicht, wer diese Ermittlungen will: 92 Prozent der FPÖ? 92 Prozent aller Österreicher?
ODER: 92 Prozent der Teilnehmer an einer Online-Umfrage einer Schweizer Zeitung?
Die Antwort: Keine der angebotenen Möglichkeiten ist richtig.

Im Bericht wird die Krone etwas konkreter, was die Herkunft der 92 Prozent angeht – soweit man bei „die Öffentlichkeit“ von konkret sprechen kann:

„Die Öffentlichkeit befürwortet jedenfalls weitere – legale – Ermittlungen: Laut einer Umfrage von „20 Minuten“ halten 92 % den Fall für noch immer ungeklärt.“

 

Natürlich stellt sich die Frage, wie viel von der Online-Umfrage einer Zeitung zu halten ist, die von „völligem Versagen“ der Ermittlungsbehörden spricht und das Gerücht rund um ein angebliches Kind von Natascha Kampusch breittritt.

Vielmehr geht es aber um die Formulierungen, die auf der Titelseite und im Text verschieden sind. Man verzeihe mir die Erbsenzählerei, aber in diesem Fall ist das bemerkenswert: „. . .halten den Fall für noch immer ungeklärt“ bedeutet nämlich doch etwas anderes als „wollen neue Ermittlungen“. Das wird mir auch klar, als „20 Minuten“  auf Anfrage die Links zu den beiden Online-Umfragen schickt, die zum Fall Kampusch durchgeführt wurden:

Anbei sende ich Ihnen die Links zu den Umfragen. An beiden haben über 3000 Menschen teilgenommen.

Freundliche Grüsse
F. Burch


http://www.20min.ch/community/poll/index.tmpl?pollid=14776

http://www.20min.ch/community/poll/index.tmpl?pollid=14892


Auffallend: Die eigentliche Frage nach neuen Ermittlungen („neu aufrollen“) wird hier „nur“ von 74 Prozent positiv beantwortet. Woher die 92 Prozent der Krone stammen, wird klar, wenn man sich die zweite Umfrage ansieht: So viele Teilnehmer an der Online-Umfrage von „20 Minuten“ denken nämlich, dass im Fall Kampusch mehr als ein Täter beteiligt war – aber nach solchen Artikeln  überrascht das auch nicht mehr wirklich.

Natascha Kampusch auf „20 Minuten“:

http://bit.ly/ykgS33

 

UPDATE, 3. März, 17 Uhr:
Vielen, vielen Dank an das Team von Kobuk für die Empfehlung dieses Artikels via Facebook. Ich bin überwältigt von den vielen Zugriffen – vor allem, weil es sich hier ja um einen ziemlich “toten” Weblog handelt. An alle, die durch diesen Link hierhergekommen sind: Danke für euer Interesse, ich bin voll motiviert, wieder mehr zu schreiben. Noch viel Spaß beim Lesen! :-)

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Soziale Stecher

Für: ST. VEITER, Ausgabe 16-2010

Schräge Sozial-Aktion: Im Tattoo-Studio „Mosquito“ in St. Veit wird für den guten Zweck tätowiert. Spendern wird ein eigens entworfenes Logo gestochen.

Jeder hat noch die gelben Livestrong-Armbänder aus Gummi in Erinnerung, mit denen man auf Initiative von Rad-Star Lance Armstrong Krebskranke unterstützen konnte. Spender zeigten ihre soziale Ader nach außen hin; Wohltätig zu sein und/oder das gelbe Armband zu tragen, war plötzlich in. Eine ähnliche Aktion planen nun Angelika und Rudi Mang vom Tattoo-Studio „Mosquito“ in der St. Veiter Kirchgasse. Nur: Einfach abstreifen kann man ihr Kennzeichen für eine geleistete Spende nicht – sie setzen ihren Klienten nämlich für den guten Zweck die Tattoo-Nadel an.

Helfende Hände. „Es gibt Tattoo-Studios, die widmen sich einen Tag lang dem guten Zweck und spenden ihre Einnahmen, die sie an diesem Tag machen. Doch wir wollten etwas schaffen, das wir das ganze Jahr über anbieten können“, erklärt Angelika Mang. Und so entwarfen sie und ihr Mann ein etwa vier Zentimeter großes Logo, das einer Hand nachempfunden ist – einer „helfenden Hand“. Das Tattoo kostet 80 Euro, davon werden 40 Euro gespendet, der Rest geht für den Materialeinsatz drauf. „Derzeit kann man sich für eine von drei Farben entscheiden. Wir haben eine Hand in den Kärntner Landesfarben gestaltet, eine ist in Rot-Weiß-Rot gehalten und die dritte Hand erinnert an die Form von Afrika“, sagt Rudi Mang. Damit gibt der Träger des Tattoos auch gleich ein Statement ab, wo der von ihm gespendete Betrag zum Einsatz kommt: In Kärnten, im Bundesgebiet oder bei einem internationalen Projekt.

Tattoos mit Sinn. So viel zur Idee. Doch gibt es tatsächlich Leute, die sich tätowieren lassen um Geld spenden zu können? Mang nickt überzeugt. „Ja, auf jeden Fall. Wir haben diese Aktion noch nicht der Öffentlichkeit präsentiert sondern nur mit Freunden und Kunden darüber gesprochen. Und die waren absolut begeistert davon“, sagt Angelika Mang. Seine Frau kann es sich sogar vorstellen, dass diese Aktion bei manchen Leuten dazu führen kann, dass sie sich ihr erstes Tattoo stechen lassen. „Viele würden sich ja gerne tätowieren lassen, wissen aber nicht, für welches Motiv sie sich entscheiden sollen. Oder sie haben Bedenken, was die Sinnhaftigkeit einer Tätowierung angeht. Mit dem Gedanken, jetzt etwas für einen guten Zweck getan zu haben, wäre dieser Sinn gegeben“, sagt sie.

Gegen Vorurteile. Mit der Aktion „Helfende Hände“ wollen sie auch für mehr Toleranz gegenüber tätowierten Menschen werben. Denn obwohl Tattoos schon seit einiger Zeit salonfähig geworden sind und Tattoo-Studios sich über eine stetig wachsende Kundenschar freuen können, halten sich dennoch Vorurteile. „Wir möchten eine Brücke schaffen zwischen Gegnern und Befürwortern. Denn bei dieser Aktion geht es nicht um die Tätowierung an sich, sondern um die Menschen, die von den Spenden profitieren“, sagt Rudi Mang.

Transparenz. Dafür, dass das gespendete Geld auch an die richtigen Einrichtungen kommt, sorgen die Tätowierer selbst – ohne Verwaltungskosten. „Transparenz wird bei uns großgeschrieben. Wir werden in der Öffentlichkeit präsentieren, was mit jedem einzelnen Euro, der für diese Aktion eingenommen wird, passiert ist“, sagt Angelika Mang. Die beiden würden sich auch darüber freuen, wenn sich andere Tattoo-Studios ihrer Aktion anschließen würden – und die „Helfenden Hände“ zumindest einmal in Österreich ähnlichen Kultstatus erreichen, wie einst die Livestrong-Armbänder.

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