Wir werben mit dem Genozid!

Woran denkt ihr, wenn ihr das Wort „Genozid“ hört? Ich an die Schwarzweißfotos von Leichenbergen in den Konzentrationslagern der Nazis, an die Bedeutung des Wortes, den systematischen Völkermord, kurz gesagt ganz einfach an das schlimmste Verbrechen, zu dem totalitäre Regime auf der ganzen Welt fähig waren und sind.

 

Dementsprechend verwundert war ich deshalb, als mir Kollege Peter Pugganig kürzlich den Link www.agb-antigenozidbewegung.at schickte. Zur Vorgeschichte: Ein Mitglied dieser Bewegung hatte bei ihm angefragt, ob wir einmal etwas darüber berichten wollen. Peter Pugganig verwies die besagte Person an mich – und schickte mir den Link als Vorwarnung. Und wer nun vermutet, dass es sich dabei um eine Organisation handelt, die konkret gegen die Völkermörder dieser Welt vorgeht – falsch gedacht! Dabei handelt es sich um Menschen, die unter der Angst leiden, dass bald jedes Produkt und jeder Mensch auf dieser Welt mit einem speziellen Ortungs-Computerchip (RFID-Chip: Radio Frequenz Indentifikationschip) ausgestattet sein wird. Bereits jetzt habe man begonnen, solche Chips auf gewisse Produkte zu kleben, um ihren Weg in unsere Haushalte zu verfolgen und das Konsumverhalten gewisser Menschen zu untersuchen. Doch das ist (natürlich!) erst der Anfang! Bald, so ist man sich bei der Anti-Genozid-Bewegung (AGB) sicher, ist jeder Mensch gechippt. Stichwort „gläserner Mensch“ – man könne jeden unserer Schritte verfolgen, man wisse alles über uns. Von der „totalen Überwachung der gesamten Menschheit“ ist da die Rede und (eh klar!) davon, dass diese Entwicklung „von den Medien weitgehend verschwiegen wird“.

 

Doch, Moment! Was hat das bitte alles mit dem Genozid, dem Völkermord, zu tun? Um die Gedankengänge vom Computerchip bis zu diesem Wort verfolgen zu können, muss man auf der Website schon ein bisschen herumsuchen. Wenn nun jeder Mensch einen Chip implantiert bekommen hat, so die AGB, kann Personen, die kritisch gegen die Herrschenden auftreten oder sich nicht anpassen, der Zutritt zu Gebäuden, Firmen, öffentlichen Verkehrsmitteln, Ärzten etc. verwehrt werden. Denn da dürfen nur Leute mit „freigeschaltetem“ Chip rein. Für die Gruppe wäre solch ein Zustand ganz klar „der Grundstein für einen neuen Genozid“, weil diese Technik ein „lebensbedrohliches Ausgrenzen“ ermögliche.

 

Derzeit versucht die Bewegung, Stimmen gegen die flächendeckende Überwachung zu sammeln – um ein Gesetz gegen diese Chips zu erzwingen. Auf der Homepage werden auch Tipps gegeben, was man gegen den Chip-Wahnsinn tun kann: Etwa im Supermarkt bei Produkten, die mit solchen Chips ausgestattet sind, diesen entfernen. Oder: T-Shirts der Organisation tragen. Oder: Etwas, das man „liebt“, aufgeben: „Wenn Sie nur schon einen Artikel aufgeben, der von einer RFID unterstützenden Firma hergestellt wird, können Sie schon Einfluss ausüben und haben das Gefühl, etwas getan zu haben“ (sic!). Außerdem: „Schreiben Sie Leserbriefe an Zeitungen, Kommentatoren, Radiomoderatoren oder ans Fernsehen!“ (Hahaha, die freuen sich sicher schon drauf!)

 

Über die schauderhafte Umfrage auf dieser Homepage möchte ich mich gar nicht erst auslassen. (unter anderem: „Sie sind ein freier Mensch, dürfen sich frei bewegen und selbst entscheiden wohin Sie gehen, was Sie kaufen usw.! – Wollen Sie dass das so bleibt? ()Ja ()Nein“ oder „Jeder der diesen Chip nicht annimmt, weil er auf seine Privatsphäre, bzw. auf sein Individualrecht besteht, kann dann vom wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. – Befürworten Sie dies? ()Ja ()Nein“ Meine Idee – eine ergänzende und natürlich ebenso wenig suggestive Frage: „Leiden Sie gerne an Magen-Darmgrippe? ()Ja ()Nein“)

 

Die Ziele und Anschauungen dieser Gruppe sind für mich weder verständlich noch ernst zu nehmen. Die AGB-Mitglieder mögen sich ihre Gedanken zu diesem Thema machen – das kann und will ihnen kein Mensch verbieten. Doch wenn diese Leute Begriffe, wie den Genozid für ihre Zwecke missbrauchen, damit Angst schüren und ihre doch reichlich paranoiden Vorstellungen rechtfertigen wollen, so ist das mehr als eine maßlose Übertreibung. Es ist eine Verharmlosung des Völkermordes und eine Herabwürdigung seiner Opfer.

 

Nun, nur für den Fall, dass sich wirklich ein AGB-Mitglied bei mir meldet: Ich glaube, ich wäre versucht, ihm drei Sachen mit auf seinen Weg zu geben:

1.      „So etwas hat bei uns keinen Platz, wir sind schließlich keine Spaßzeitung“,

2.      „Sie haben aber Nerven, mich anzurufen. Wissen Sie, in welche Situation Sie mich damit vor dem System bringen?“ und

3.      „Ich leg jetzt auf. Leute ohne Chip haben bei uns schon einmal überhaupt nix zu melden.“

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