Im Reich der Riesenvögel

DSC_2255Für: ST. VEITER, Ausgabe 11/2009

Auf Kärntens erster Straußenfarm in Liebenfels wird derzeit gebrütet. Der ST. VEITER ging mit einigen der exotischen Tiere auf Tuchfühlung.

Eierspeise für sechs Personen. Man nehme ein Ei . . . Schon richtig gelesen, ein Ei. Eines, das bis zu 1,8 Kilogramm wiegt und von einer Straußenhenne gelegt wurde. Solche Tiere findet man im Bezirk St. Veit auf der Straußenfarm Anderle. Dort angekommen werde ich von Franz Leitgeb empfangen, der gemeinsam mit seiner Frau Evelin zwischen 50 und 100 der exotischen Tiere betreut. „Neben den Eiern verarbeiten wir natürlich auch das Fleisch der Strauße. Es wird entweder an die gehobene Gastronomie verkauft, oder die Leute erwerben es hier am Hof. Wir haben auch Straußenwürste, Straußensalami oder Straußenleberkäse im Programm. Aus den Eiern machen wir Straußeneierlikör, die Federn werden zu Staubwedeln verarbeitet, da sie von Haus aus statisch aufgeladen sind“, erklärt Franz Leitgeb und deutet auf ein großzügiges Freigehege. Zuchthahn Hugo, ein Prachtexemplar, das zwischen seinen „Mädels“ auf und abstolziert, weiß von all dem freilich noch nichts.

 80 km/h Spitze. Strauße sind Tiere der Superlative, erklärt Leitgeb: „Sie können 15 Kilometer weit scharf sehen, erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 80 km/h und können ein Tempo von 60 km/h 20 Minuten lang durchhalten. Ausgewachsen werden sie bis zu 170 Kilogramm schwer und bis zu 70 Jahre alt. Und: Dass sie ihren Kopf wirklich in den Sand stecken, ist Blödsinn, wahrscheinlich auf eine optische Täuschung in der Wüste zurückzuführen.“ Leitgeb ist seit einer Afrika-Reise im Bann der faszinierenden Tiere – und aus seiner hobbymäßigen Zucht entwickelte sich mit der Zeit die Straußenfarm. Derzeit werden in backofen-ähnlichen Brutkästen bei einer Temperatur von rund 40 Grad Eier ausgebrütet.

Im Gehege. Jetzt geht’s ans Foto-Shooting. Über den zwei Meter hohen Zaun zu fotografieren geht nicht – dürfen wir näher ran? „Kein Problem“, sagt der Straußenfarmer und öffnet das Tor zum Gehege der riesigen Tiere. Dass Fotograf Geza Balint und ich die ersten Besucher sind, die sich hier rein trauen, wird uns Leitgeb erst später sagen. Hugo und Co. bleiben allerdings Tabu, die Attacken des dreijährigen Zuchthahns können auch für Menschen richtig gefährlich werden. Wir halten uns lieber an die zwei Meter „kleinen“ Strauße im Alter zwischen fünf und zwölf Monaten, die ohne jede Scheu neugierig auf uns herabblicken als wir ihr Gehege betreten. Ich habe Angst.

 Strauße sehen rot. „Sie stehen auf die Farbe Rot und glitzernde Dinge – so schnell konnte ich gar nicht schauen, als mir einer einmal einen Ohrring geklaut hat“, sagt Evelin Leitgeb und plötzlich fühle ich mich in meiner Haut – oder DSC_2229besser gesagt in meinem rotkarierten Hemd – noch ein bisschen unwohler. Während Geza (schwarzes Hemd, was für ein Glückspilz) wie wild fotografiert, haben sich rund zehn der Tiere um mich geschart und starren mich an – ich muss daran denken, dass in dem kleinen Kopf der Tiere nicht wirklich viel Gehirn Platz haben kann. Ein Strauß wird mutig und schnappt nach meinem Hemdärmel, einem anderen gefällt die Fototasche von Geza. „Wenn einer damit anfängt, machen die anderen mit“, ruft Franz Leitgeb belustigt.

 (Fast) zum Kuscheln. Leitgeb weiß genau, wie er mit den Tieren umzugehen hat und verscheucht sie kurz, als ihm ein Strauß den Hut vom Kopf zupft. Währenddessen schubse ich einen Riesenvogel, der meine Uhr mit seinem Schnabel prüft, sanft zurück, was mir fürs erste ein bisschen Luft verschafft. Plötzlich sind die Tiere wieder ganz zahm und lassen sich sogar an ihren flauschig weichen Hälsen streicheln. Der blitzschnelle Schnapper eines Straußes kommt aber unerwartet und hinterlässt einen Bluterguss an meinem Arm, die Schnabel-Attacke auf meine Nase endet glimpflich. Wir ziehen uns vorsichtig zurück und widmen uns den Straußen in ungefährlicherer Form: Vakuumverpackt in einer Kühlvitrine. Ätsch!

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