Monatsarchiv: Juli 2010

Jedermann 2.0

Jedermann giftelt und fährt einen Porsche. Die Buhlschaft ist über und über tätowiert. Die Tischrunde ist eine zugedröhnte Seitenblicke-Schreckensgesellschaft – und der Teufel höchstpersönlich sehr amüsant. Der St. Georgener Jedermann feierte Premiere.

Bei gefühlten 30 Grad im Stiftshof St. Georgen wartet alles auf den nächsten Geniestreich von keck&co. Diesmal hat sich die Laienspieltruppe unter Regiemeister Adi Peichl an ein großes Projekt gewagt: Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ wird aufgeführt, und zwar mit einigen Adaptierungen. Der Jedermann im Jahre 2010 verkörpert Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Er ist kein alter Knacker sondern ein 24-jähriger Neureicher, der gleich zu Beginn, nach einem Wechsel von der epischen Hymne zu Bon Jovis „It’s my life“, mit seiner Clique die Bühne stürmt – und bildlich erklärt, was der Refrain dieses Liedes auf deutsch heißt. Eh klar, dass er nur ein paar Minuten später die Szene stilecht im silbernen Porsche verlässt – Liebschaft am Beifahrersitz inklusive.

Jedermann 2.0, Peter Marktl, ist in St. Georgen am Längsee zwar das um einiges jüngere, dafür aber gleich arrogante Geldschwein wie in den altbekannten Stücken. Mit einem Hauch von Gönnertum umwoben, als er den armen Schuldner einsperren, dessen Frau und Kinder aber versorgen lässt. Die Laune soll wohl nicht gänzlich vermiest werden, wenn die große Party ansteht – mit Verwandten, „Freunden“ und ausgewählten Exemplaren der Bussi-Bussi-Gesellschaft, wie wir sie jeden Abend in den Seitenblicken verfolgen können. Und natürlich mit Buhlschaft Nadja Prasser, überzeugend, fordernd, fesch, tätowiert (Publikumgespräch: „Echt oder aufgemalt?“ – „Echt.“ – „Echt?“ – Echt!“) und gerade den Jedermann verführend, als unter den Klängen der E.A.V. („Neue Helden braucht das Land!“) die Horde hereinbricht.

Die muntere Tischgesellschaft: Betrunken, zugedröhnt, naturgemäß bestens gelaunt und von einer Fernsehkamera inklusive Moderator verfolgt – Dominic Heinzl hätte das wohl nicht besser (schlimmer?) hingekriegt. Die bemitleidenswerte Verflossene Jedermanns wird verspottet und mit wunderbar gekünsteltem Highsociety-„Hahaha“ von der Bühne geekelt – die Figur ist übrigens eine Erfindung der St. Georgener Truppe.

Doch noch bevor das Gelage losgeht, plagen Jedermann düstere Todesvisionen: Her mit dem Ecstasy! Glockenläuten, das außer ihm niemand hört („Glocken, weibliche Glocken, höhöhö!“): Noch ein Schluck des vom Dünnen Vetter gebrauten, wohl nicht ganz legalen, Energydrinks! Die Party geht weiter, es folgen „Let me entertain you“ (Der Dünne Vetter Martin Strutz ist in seinem Element) – und die erste Panikattacke des jungen Hauptdarstellers. Wären da zuvor nicht all die Warnungen gewesen! Vor den Folgen, die ein so gotteslästerliches Leben haben kann! Und es erschallt: „JEEEDEEERMAAANN!!!“ Jedermann irrt umher, ist sich des sicheren Endes bewusst, schreit, krächzt, heult. Gänsehaut beim Publikum – und das an einem Hochsommerabend.

Der Tod (Christian Knees) betritt die Bühne, die ausgelassene Runde flieht. Jedermann hadert mit dem Schicksal, fleht um sein Leben – oder zumindest um einen Aufschub. Und nach langem hin und her gewährt ihm der Gevatter noch eine kurze Frist, Zeugen aufzutreiben, die ihm beim finalen Prozess – Himmel oder Hölle? – zur Seite stehen. Es sieht nicht gut für ihn aus. Der treue Geselle(Adi Peichl jun.) nimmt sein Wort, ihn im Leben und im Tod zu begleiten, plötzlich doch nicht mehr so ernst. Die beiden Vetter, Dick und Dünn, wollen auch nicht so recht durch dick und dünn mit Jedermann – bemerkenswert die ausschweifende Argumentation des „Dicken“ Hermann Traninger. Und der Mammon macht es sich in seinem Tresor gerade so richtig gemütlich. Mitgehen will er nicht, denn schließlich ließe er sich von so einem Menschen gar nix befehlen, nicht er ist der Sklave des Menschen, der Mensch ist abhängig von ihm. Und überhaupt: Irdisch ist der Mammon, und nicht für eine himmlisch-höllische Mission bestimmt. Wie irdisch, das zeigt sich, als die Hebebühne, die ihn aus dem Tresor befördert hat, klemmt und nicht mehr herunterfahren will. Die Technik ist aber das einzige, das versagt. Marktl und auch Mammon Markus Meierhofer überspielen den Defekt routiniert. 

Nachdem er von seinem weltlichen Besitz so richtig runtergeputzt wurde, kommt der nächste Schlag für den jungen Jedermann, der nun ziemlich alt aussieht. In Lumpen gehüllt treten seine Werke auf. Einzig und allein sein Glaube vermag den resignierenden Jedermann halbwegs aufzurichten – aber wird das reichen beim Prozess in der Stiftskirche, zu dem Pfarrer Christian Stromberger den Neureichen geleitet? Glaube und Werke (mittlerweile in einem weißen Kleid), stark verkörpert von Christine Geyer und Uta Slamanig, stellen sich jedenfalls schützend vor die Kirchentür. Das ist auch notwendig.

Denn schreiend und fluchend betritt der Teufel höchstpersönlich, aka Erwin Beiweis, die Bühne. Und er ist das Böse in Person. Trotzt um die erhoffte Jedermanns-Seele, wartet ungeduldig auf das Prozessende, kratzt sich an Stellen, an denen man sich einfach nicht kratzt, wenn man Publikum hat. Und will schließlich an den beiden Weibsbildern vorbei, die noch immer vor der Kirchentür stehen. Vergebens! Abermals fluchend verkrümelt sich Luzifer zurück in sein Höllenloch und kassiert Szenenapplaus – selten ist der Leibhaftige so komisch.

Jedermann tritt aus der Kirche und wird von den Werken und seinem Glauben wieder in die Pforte geführt, aus der Nebel und gleißendes Licht strömen. Happy End für den Jedermann – obwohl er eigentlich schon lange tot ist. Applaus. Standing Ovations. Und Gratulation an alle Beteiligten.

Fotos: Phino

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Feuer und Flamme für Eisen

für: ST. VEITER, Ausgabe 13, 2010

Die Burg Hochosterwitz hat nach Jahrhunderten wieder einen Waffenschmied. Johann Schmidberger fertigt unter anderem die neuen Harnische für die Schweizergarde im Vatikan an.

Würde man im Lexikon neben dem Begriff „Waffenschmied“ ein Bild finden, so würde es höchstwahrscheinlich Johann Schmidberger zeigen. Vollbart, zerzauste Frisur und riesige Hände, die bereits am Vormittag schwarz von der Arbeit sind – das sind die besonderen Kennzeichen des Waffenschmiedes auf Burg Hochosterwitz.

Lange Geschichte. Der gebürtige Oberösterreicher betreibt in Molln im Steyrtal die Waffenschmiede seiner Vorfahren – der Betrieb existiert seit dem 14. Jahrhundert. Und vor 500 Jahren schon überschnitt sich die Geschichte der Schmiede-Dynastie mit der der Burg Hochosterwitz: Damals ging eine Waffenlieferung „Made by Schmidberger“ an die Kärntner Burg. Dass es nun Johann Schmidberger hierher verschlagen hat, ist einigen Zufällen zu verdanken. „Ich habe einmal auf Kundenwunsch einen Harnisch der Khevenhüllers (Besitzer der Burg Hochosterwitz, Anm.) angefertigt und ein Bild davon ins Internet gestellt. Ein Mitarbeiter der Burg hat dieses Bild entdeckt – und von da an entstand ein reger Kontakt“, erzählt Schmidberger.

Wohnung auf der Burg. Nach einigen Auftritten als Schauschmied auf Burg Hochosterwitz kam ein Anruf von dem jetzigen Burgbesitzer Karl Khevenhüller: Ob Schmidberger nicht Lust hätte, auf der Burg zu wohnen und zu arbeiten? „Zwei meiner Söhne führen, während ich im Sommer auf der Burg wohne, den Betrieb in Molln weiter, ich kann mich voll auf sie verlassen“, sagt Schmidberger. Die Grundvoraussetzung, um mit ruhigem Gewissen gemeinsam mit Ehefrau Hildegard auf die Burg zu ziehen – in die einstige Wohnung des Burggrafen oberhalb von Tor 14. Und er fühlt sich sichtlich wohl: „Es ist natürlich etwas Besonderes, auf einer der schönsten Burgen Österreichs wohnen zu dürfen.“ Untertags können die Besucher Schmidberger über die Schulter schauen, wenn er Schwerter, Rüstungen oder Harnische anfertigt oder alte Schmiedewerke restauriert. Oder wenn er an den Rüstungen feilt, die von der Schweizergarde, der traditionellen Leibgarde des Papstes, getragen werden.

Großauftrag. Die Grundmauern für diesen Auftrag wurden beim Papst-Besuch in Mariazell gelegt. Aus dem Vorschlag, alte Harnische der Schweizergarde fachgerecht von Schmidberger restaurieren zu lassen, entwickelte sich die Idee, überhaupt neue anzufertigen. „Die Rüstungen, die die Mitglieder der Schweizergarde jetzt tragen stammen noch aus dem Jahr 1506, also aus der Zeit, in der sie gegründet wurde“, erklärt Schmidberger. Der prunkvolle Harnisch für den Kommandanten wurde bereits geliefert, 80 weitere Stück folgen laufend.

International. Schmidberger konnte sich auch schon über die Grenzen Österreichs hinaus einen Namen machen. So standen auch schon Projekte in weiten Teilen Europas und sogar in Amerika an. Besonders stolz ist Schmidberger darauf, auch schon Rüstungen, Schwerter und Helme für die Salzburger Festspiele hergestellt zu haben, darunter befinden sich zwei Rüstungen für Bruno Ganz und eine für Klaus Maria Brandauer.  Als nächstes stehen neben den Arbeiten an den Harnischen für die Schweizergarde allfällige Restaurationsarbeiten an der Burg an – so will Schmidberger zum Beispiel dafür sorgen, dass die Glocken der Burgkapelle wieder erklingen.

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