Jedermann 2.0

Jedermann giftelt und fährt einen Porsche. Die Buhlschaft ist über und über tätowiert. Die Tischrunde ist eine zugedröhnte Seitenblicke-Schreckensgesellschaft – und der Teufel höchstpersönlich sehr amüsant. Der St. Georgener Jedermann feierte Premiere.

Bei gefühlten 30 Grad im Stiftshof St. Georgen wartet alles auf den nächsten Geniestreich von keck&co. Diesmal hat sich die Laienspieltruppe unter Regiemeister Adi Peichl an ein großes Projekt gewagt: Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ wird aufgeführt, und zwar mit einigen Adaptierungen. Der Jedermann im Jahre 2010 verkörpert Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Er ist kein alter Knacker sondern ein 24-jähriger Neureicher, der gleich zu Beginn, nach einem Wechsel von der epischen Hymne zu Bon Jovis „It’s my life“, mit seiner Clique die Bühne stürmt – und bildlich erklärt, was der Refrain dieses Liedes auf deutsch heißt. Eh klar, dass er nur ein paar Minuten später die Szene stilecht im silbernen Porsche verlässt – Liebschaft am Beifahrersitz inklusive.

Jedermann 2.0, Peter Marktl, ist in St. Georgen am Längsee zwar das um einiges jüngere, dafür aber gleich arrogante Geldschwein wie in den altbekannten Stücken. Mit einem Hauch von Gönnertum umwoben, als er den armen Schuldner einsperren, dessen Frau und Kinder aber versorgen lässt. Die Laune soll wohl nicht gänzlich vermiest werden, wenn die große Party ansteht – mit Verwandten, „Freunden“ und ausgewählten Exemplaren der Bussi-Bussi-Gesellschaft, wie wir sie jeden Abend in den Seitenblicken verfolgen können. Und natürlich mit Buhlschaft Nadja Prasser, überzeugend, fordernd, fesch, tätowiert (Publikumgespräch: „Echt oder aufgemalt?“ – „Echt.“ – „Echt?“ – Echt!“) und gerade den Jedermann verführend, als unter den Klängen der E.A.V. („Neue Helden braucht das Land!“) die Horde hereinbricht.

Die muntere Tischgesellschaft: Betrunken, zugedröhnt, naturgemäß bestens gelaunt und von einer Fernsehkamera inklusive Moderator verfolgt – Dominic Heinzl hätte das wohl nicht besser (schlimmer?) hingekriegt. Die bemitleidenswerte Verflossene Jedermanns wird verspottet und mit wunderbar gekünsteltem Highsociety-„Hahaha“ von der Bühne geekelt – die Figur ist übrigens eine Erfindung der St. Georgener Truppe.

Doch noch bevor das Gelage losgeht, plagen Jedermann düstere Todesvisionen: Her mit dem Ecstasy! Glockenläuten, das außer ihm niemand hört („Glocken, weibliche Glocken, höhöhö!“): Noch ein Schluck des vom Dünnen Vetter gebrauten, wohl nicht ganz legalen, Energydrinks! Die Party geht weiter, es folgen „Let me entertain you“ (Der Dünne Vetter Martin Strutz ist in seinem Element) – und die erste Panikattacke des jungen Hauptdarstellers. Wären da zuvor nicht all die Warnungen gewesen! Vor den Folgen, die ein so gotteslästerliches Leben haben kann! Und es erschallt: „JEEEDEEERMAAANN!!!“ Jedermann irrt umher, ist sich des sicheren Endes bewusst, schreit, krächzt, heult. Gänsehaut beim Publikum – und das an einem Hochsommerabend.

Der Tod (Christian Knees) betritt die Bühne, die ausgelassene Runde flieht. Jedermann hadert mit dem Schicksal, fleht um sein Leben – oder zumindest um einen Aufschub. Und nach langem hin und her gewährt ihm der Gevatter noch eine kurze Frist, Zeugen aufzutreiben, die ihm beim finalen Prozess – Himmel oder Hölle? – zur Seite stehen. Es sieht nicht gut für ihn aus. Der treue Geselle(Adi Peichl jun.) nimmt sein Wort, ihn im Leben und im Tod zu begleiten, plötzlich doch nicht mehr so ernst. Die beiden Vetter, Dick und Dünn, wollen auch nicht so recht durch dick und dünn mit Jedermann – bemerkenswert die ausschweifende Argumentation des „Dicken“ Hermann Traninger. Und der Mammon macht es sich in seinem Tresor gerade so richtig gemütlich. Mitgehen will er nicht, denn schließlich ließe er sich von so einem Menschen gar nix befehlen, nicht er ist der Sklave des Menschen, der Mensch ist abhängig von ihm. Und überhaupt: Irdisch ist der Mammon, und nicht für eine himmlisch-höllische Mission bestimmt. Wie irdisch, das zeigt sich, als die Hebebühne, die ihn aus dem Tresor befördert hat, klemmt und nicht mehr herunterfahren will. Die Technik ist aber das einzige, das versagt. Marktl und auch Mammon Markus Meierhofer überspielen den Defekt routiniert. 

Nachdem er von seinem weltlichen Besitz so richtig runtergeputzt wurde, kommt der nächste Schlag für den jungen Jedermann, der nun ziemlich alt aussieht. In Lumpen gehüllt treten seine Werke auf. Einzig und allein sein Glaube vermag den resignierenden Jedermann halbwegs aufzurichten – aber wird das reichen beim Prozess in der Stiftskirche, zu dem Pfarrer Christian Stromberger den Neureichen geleitet? Glaube und Werke (mittlerweile in einem weißen Kleid), stark verkörpert von Christine Geyer und Uta Slamanig, stellen sich jedenfalls schützend vor die Kirchentür. Das ist auch notwendig.

Denn schreiend und fluchend betritt der Teufel höchstpersönlich, aka Erwin Beiweis, die Bühne. Und er ist das Böse in Person. Trotzt um die erhoffte Jedermanns-Seele, wartet ungeduldig auf das Prozessende, kratzt sich an Stellen, an denen man sich einfach nicht kratzt, wenn man Publikum hat. Und will schließlich an den beiden Weibsbildern vorbei, die noch immer vor der Kirchentür stehen. Vergebens! Abermals fluchend verkrümelt sich Luzifer zurück in sein Höllenloch und kassiert Szenenapplaus – selten ist der Leibhaftige so komisch.

Jedermann tritt aus der Kirche und wird von den Werken und seinem Glauben wieder in die Pforte geführt, aus der Nebel und gleißendes Licht strömen. Happy End für den Jedermann – obwohl er eigentlich schon lange tot ist. Applaus. Standing Ovations. Und Gratulation an alle Beteiligten.

Fotos: Phino

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