Ich Nichtrauchernazi

Verschwörungstheorien im Test, oder: Wie meine vielversprechende Karriere als professioneller Facebook-Troll ein schnelles Ende fand.

„Don’t feed the troll“ lautet der Rat, den man sich oft gibt, wenn im Social Media-Bereich hitzige Diskussionen ausbrechen. Denn befeuert werden sie in vielen Fällen von Leuten, die gar nicht diskutieren wollen, sondern ihre Freude an dem Chaos haben, das sie mit ihren Kommentaren anrichten. Seit ein paar Tagen bin ich um eine Erfahrung reicher: Wie es sich anfühlt, das Trollen professionell auszuüben.

Ich hatte schon länger auf eine gute Gelegenheit gewartet, einmal in diese Haut schlüpfen zu können. Nicht, dass ich keine Online-Diskussionen verfolgen würde, aber für politisches Geplänkel ist mir ehrlich gesagt die Zeit zu schade. Ich brauchte etwas anderes – und fand es am Wochenende in Gestalt einer sehr dankbaren Person, die mich dermaßen gut fütterte, dass ich noch heute bestens genährt vor dem Laptop sitze. Diese Person hat mich zuerst vollgestopft und mir dann den Magen verstimmt – eine Verschwörungstheoretikerin wie aus dem Bilderberg Bilderbuch.

Begonnen hat die Geschichte mit einer Forderung des Klagenfurter Grüne-Gemeinderates Reinhold Gasper: Man möge doch auf den Stegen im Strandbad das Rauchen verbieten, viele Leute beschweren sich über die Zigarettenstummel, die einfach ins Wasser geworfen werden. Davon mag man ja halten was man will – aber aus dem (auch über die Parteigrenzen hinaus) geschätzten Hobby-Historiker eine „Marionette der Pharma-Lobby“ zu machen – das fällt nur wenigen ein. Christine C. zählt zu diesen Menschen. Und sie macht aus der Forderung gleich ein generelles „Rauchverbot im Freien“, welches Gasper erst für später und auch dann nur für Freibäder angedacht hatte.

Die Welt der Christine C. im Überblick: Jeder Artikel, der sich mit einem Rauchverbot oder der Schädlichkeit des Rauchens beschäftigt, ist ein von der Pharma-Lobby bezahlter PR-Artikel, für den je nach Länge und Verbreitung horrende Summen bezahlt werden. Journalisten, Politiker, Ärzte, Apotheker – sie alle hängen in der weltumspannenden Verschwörung mit drin, welche den Menschen das Rauchen verbieten und sie so den Pharma-Konzernen in die Arme treiben soll. Die wiederum haben ein Ziel: Die Menschheit mit Rauch-Ersatzmitteln wie Champix oder Zyban zu vernichten – denn die sind „äusserst tödlich“ (sic!, O-Ton Christine C.).

Sinn für Aktionismus kann man der Dame auf keinen Fall absprechen: Immerhin 40 Personen haben sich für die von ihr erstellte Veranstaltung „MAILAKTION gegen das Rauchverbot der Grünen im FREIEN“ gemeldet und teilweise auch wirklich Mails verschickt. Aufmerksam auf die Aktion wurde ich durch einen Kollegen, der auf der Veranstaltungsseite höflich darauf hinwies, warum es beim Titel „Rauchverbot im FREIEN“ doch ein bisschen hackte. Und in weiterer Folge eine wahre Flut an Weblinks über sich ergehen lassen musste: Ein Grüner Nichtrauchernazi sei er, und was ihm denn einfalle, zu behaupten, dass Gasper kein von den Pharma-Riesen gekaufter PR-Soldat sei – die Beweise für die groß angelegte Verschwörung finde er in den Links. Es ist angerichtet: Zeit für den ersten Gang.

Reinhold Gasper (von der Pharma-Lobby gekauft), Peter Lindner (direkt von Facebook eingeschleust), Christine C. (unbarmherzige Aufdeckerin) – das klingt nach einem viel versprechenden Drehbuch mit knallharten Hauptdarstellern. Wenn’s nur nicht um die faden Zigaretten gehen würde – die Menschheit hat sich schließlich auch um andere Probleme zu kümmern (Socken!!!). Und schön langsam sollte auch Herr Zuckerberg seine wahre Identität preisgeben. Noch ganz betroffen davon, wie viel Geheimnisse noch ans Tageslicht kommen müssen, bekomme ich schon wieder einen Happen zugeworfen:

Alles klar? Damit die Ärzteinitiative aktiv werden kann, wird sie von der Pharma-Industrie gefördert. Und weil es sich dabei um eine megageheime Verschwörung handelt, wird auch noch auf der hässlichen (deshalb unauffällig!) Homepage vermerkt, wer die Sponsoren sind. Clever! Vielleicht sollten wir die ja wirklich zu unserer nächsten Jahreshauptversammlung in Neuschwabenland einladen. Doch solche Gedanken werden schnell unterbunden, Christine C. löscht den gesamten Thread und stellt mir das Dessert hin:

Wie gesagt – 2.000 Euro pro Monat? Pah! Dabei hat sie ja selbst recherchiert, dass man das bereits für einen einzigen sauberen Artikel erhält (die Mär vom unterbezahlten Journalisten ist übrigens ebenfalls eine weit verbreitete Verschwörung). Außerdem: Wenn ich schon Artikel lösche, dann lässt sich mein Auftraggeber das auch etwas kosten, klar?

Eine gesamte Diskussion wegen mir gelöscht, von einer Teilnehmerin blockiert, mehrere Beschimpfungen kassiert, zumindest einer Person eine Menge Zeit gestohlen und meine Facebook-Freunde über Tage hinweg unterhalten – ich war fast ein bisschen stolz auf mein Debüt als Facebook-Troll.

Zum Abschluss reichte Christine C. dann noch Käse in Form einer detaillierten Auflistung, bei der es um die „Kategorisierung“ von Trollen geht. Im Wesentlichen kann man die Kategorien also wie folgt zusammenfassen:

  • Troll der Kategorie 0: Gekennzeichnet durch wüste Beschimpfungen
  • Troll der Kategorie 1: Bringt Ausführungen ein, die mit dem Thema nichts zu tun haben
  • Troll der Kategorie 2: Führt oft „Debatten“ mit sich selbst
  • Troll der Kategorie 3: Liefert ewig lange Vorträge von oben herab
  • Troll der Kategorie 4: Kleistert alles mit Werbung zu
  • Troll der Kategorie 5: Kritisiert ohne jemals auf den Inhalt einzugehen
  • Troll der Kategorie 6: Löscht Beiträge
  • Troll der Kategorie 7: Spricht ohne zu denken
  • Troll der Kategorie 8: Versucht, den Leser verrückt zu machen
  • Troll der Kategorie 9: Kommt nach jedem Scheitern gleich wieder über die Hintertür herein

Und dann plötzlich, träge von dem üppigen Mahl, war es vorbei mit meiner guten Stimmung. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass ich einen typischen Anfängerfehler begangen habe. Eine bittere Erkenntnis: Ich bin die ganze Zeit über der wahrscheinlich begnadetsten Allround-Trollin aller Zeiten auf den Leim gegangen.

Der übermenschlichen Konkurrenz muss ich mich beugen – und gebe hiermit schweren Herzens bekannt, dass meine Karriere als professioneller Facebook-Troll zu Ende ist.

 

 

NACHTRAG, 23.45 Uhr:

Vielen Dank an Wolfgang Rössler, der auf Facebook in die Diskussion um diesen Beitrag eingestiegen ist und mich auf einen Aspekt hingewiesen hat, den ich außen vorgelassen habe. Tatsächlich sind die angesprochenen Raucherentwöhnungsmedikamente nicht unumstritten und wenn es so ausgesehen hat, als würde ich mich zum Verteidiger der Pharmaindustrie aufschwingen: Nein, das tue ich nicht. Wer nachlesen möchte, findet Infos auf Spiegel Online.
Daraus allerdings eine Verschwörung zu drehen und ganz bewusst mit falschen Fakten zu arbeiten – das ist eine andere Geschichte.

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Ein Kommentar

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Eine Antwort zu “Ich Nichtrauchernazi

  1. Haha, mit der Dame hatte ich auch schon zu tun, als ich bei einem Medienhaus gearbeitet haben und sie nicht aufhörte, mich trotz mehrerer „unsubscribes“ zu zuspammen. Ich hab ihr dann gesagt, dass ich sich blacklisten lassen – darauf hin hat sie an ziemlich alles journalisten des Landes ein mail mit einer „Gesprächsnotiz“ geschickt, in der es hieß, ich hätte ihr mit Mord gedroht (weil „blacklist“, mafia und so…)
    Don’t feed this troll:)

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