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Blick-Punkt speichert Falter-Daten auf Vorrat

Wie groß ist die Schnittmenge der Leser der Wiener Wochenzeitung Falter und des Regionalblattes Blick-Punkt, das in Mittelkärnten erscheint? Höchstwahrscheinlich nicht besonders hoch. Klar: Wien ist weit weg von Kärnten – und auch die Inhalte unterscheiden sich recht deutlich. Es deutet aber noch etwas darauf hin, dass wahrscheinlich nicht viele Blick-Punkt-Leser auch den Falter lesen (oder umgekehrt) – denn sonst hätte wohl so mancher Leser bei der Lektüre der aktuellen Blick-Punkt-Ausgabe ein recht starkes Déjà-vu-Erlebnis gehabt.

Chefredakteur Mario Wilplinger greift in der aktuellen Ausgabe ein Thema auf, das in den Medien meiner Meinung nach noch immer zu kurz kommt – und erst recht in Kärntner Regionalzeitungen. Es geht um die umstrittene Vorratsdatenspeicherung, laut der Telekommunikationsdaten sechs Monate lang gespeichert werden müssen. Wie gesagt – ein wichtiges Thema, und ich persönlich begrüße jede Zeile in einer Zeitung, die sich kritisch mit diesem Thema auseinandersetzt. Doch das „Wie“ hat mich im Falle des Blick-Punkts dann doch verwundert.

Der Text, die Beispiele und ein paar Formulierungen erinnerten mich nämlich stark an einen Artikel, den ich ein paar Tage zuvor schon einmal gelesen hatte. Schließlich reichte eine kurze Google-Suche.

Text Falter:
[. . .] Das alles wirkt unspektakulär angesichts dessen, was am 1. April Gesetz wird: die Vorratsdatenspeicherung. [. . .] Die Telekomfirmen müssen künftig alle Standort- und Verbindungsdaten für den Staat ein halbes Jahr aufbewahren. Die Polizei kann intimste Details der Bürger ergründen: Mit wem haben sie wann wo wie lange telefoniert? Wem sendeten sie SMS? Wem schickten sie E-Mails? Wann waren sie wie lange im Internet? Der Inhalt der Nachrichten wird nicht gespeichert, wohl aber das gesamte Kommunikationsverhalten. Die Daten geben Einblicke in das Privatleben einer Person, wen sie trifft, wo sie isst, fortgeht oder die Nacht verbringt. Manchmal werden anhand der Telefondaten auch völlig falsche Rückschlüsse gezogen, wie der Fall Kampusch zeigte. Unschuldige wurden als Kinderpornosammler verdächtigt, weil sie mit einem Freund des Kampusch-Entführers telefoniert hatten. [. . .] Denn das verdachtlose Datenspeichern stellt einen Paradigmenwechsel im Grundrechtsverständnis eines liberalen Rechtsstaates dar. Bisher griff der Staat nur auf Daten zu, die für andere Zwecke ohnehin gespeichert wurden. Nun geht der Staat einen Schritt weiter: Er ordnet die Speicherung für sich selbst an.

Text Blick-Punkt:
Das alles klingt unspektakulär angesichts dessen, was am 1. April Gesetz wird: die Vorratsdatenspeicherung. Die Telekomfirmen müssen künftig alle Standort- und Verbindungsdaten für den Staat ein halbes Jahr aufbewahren. Die Polizei kann intimste Details der Bürger abrufen: Mit wem haben Sie wann wo wie lange telefoniert? Wem sendeten Sie SMS? Wem schickten Sie E-Mails? Wann waren Sie wie lange im Internet? Der Inhalt der Nachrichten wird nicht gespeichert, wohl aber das gesamte Kommunikationsverhalten. Die Daten geben Einblicke in das Privatleben einer Person, wen sie trifft, wo sie isst [, fortgeht] oder die Nacht verbringt. Oft werden anhand der Telefondaten [auch völlig] falsche Rückschlüsse gezogen, wie der Fall Kampusch zeigte. Unschuldige wurden als Kinderpornosammler verdächtigt, weil sie mit einem Freund des Kampusch-Entführers telefoniert hatten. [Denn] Das verdachtlose Datenspeichern stellt einen Paradigmenwechsel im Grundrechtsverständnis unseres Rechtsstaates dar. Bisher griff der Staat nur auf Daten zu, die für andere Zwecke ohnehin gespeichert wurden. Nun [geht der Staat einen Schritt weiter: Er] ordnet er die Speicherung [für sich selbst] an.

Der Blick-Punkt-Text, also der Kommentar von Chefredakteur Mario Wilplinger (Erscheinung: 20. März) unterscheidet sich nur an den rot markierten Stellen vom Text im Falter (Erscheinung: 14. März). Unvoreingenommene Leser mögen auch den abrupten Texteinstieg im Blick-Punkt seltsam finden.

In Wien ahnte man jedenfalls nichts von dem Nachdruck, Falter-Journalistin Ingrid Brodnig sind keine Anfragen bekannt, ob ihr Artikel nachgedruckt werden durfte – auch nicht auszugsweise, und schon gar nicht mit anderer Autorzeile.

Chefredakteur Mario Wilplinger gibt sich auf Nachfrage ziemlich verwundert: Die Basis für den Kommentar sei ein Leserbrief gewesen, der Verfasser wollte aber nicht unter seinem Namen veröffentlicht werden und hat schließlich zugestimmt, dass er, Wilplinger, den Text verwenden könne. Wilplinger: vo[m] Falter hat er allerdings kein Wort gesagt! Schoen unverschaemt und unangenehm sowas!

Übrigens: Im aktuellen Editorial dieser Blick-Punkt-Ausgabe heißt es ausgerechnet:
„[. . .] nichts ist langweiliger als die Nacherzählung anderer [. . .]“

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